Gastbeitrag: Zarte Sprossen des dualen Ausbildungssystems in China

Das Ausbildungszentrum von Engel in Shanghai (Foto: bmwfw/Georges Schneider)
Das Ausbildungszentrum von Engel in Shanghai (Foto: bmwfw/Georges Schneider)

Mit dem rapiden Wirtschaftswachstum der letzten Jahre hat China einen enormen Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Kürzlich veröffentlichte Regierungsrichtlinien nehmen Bezug auf berufsbildende Schulen und stützen sich hier auch auf das duale System der Lehrlingsausbildung so wie es in Österreich und Deutschland praktiziert wird. 

In meinem „Podcast-Eurasian Matters“ (Interview #29: 德奥双元职教模式如何走进中国) auf http://huina.at) habe ich ein Interview mit Dr. Yang Li (杨丽) veröffentlicht, die als Verantwortliche für Projekte des Wirtschaftsförderungsinstituts (WIFI) in China einige äußerst interessante Einblicke in dieses Thema gewähren konnte.

 

Das Interview handelt primär von dem WIFI Projekt zur Berufsausbildung in Kooperation mit der „Shanghai Schule für Information und Technologie“ (上海信息技术学校).  

 

Dr. Yang Li unterstrich in dem Interview, dass es nicht einfach war, eine Schule zu finden, die für eine derartige  Kooperation bereit war. Und noch schwieriger gestaltete sich die Suche nach chinesischen Unternehmen, die diese Initiative unterstützen wollten. Unzählige mühsame Vorgespräche mussten geführt werden, bis es zur Vereinbarung mit der Schule in Shanghai kam, deren Management genug Verständnis und Vision für das Projekt aufbrachte. 

 

Und auch dann wäre es ohne die massive Unterstützung der beiden in Shanghai ansässigen österreichischen Unternehmen ALPLA und Engel Maschinen wohl schon zu einem vorzeitigen Ende des Experiments zum dualen Ausbildungssystem in China gekommen. 


Letztendlich konnte die Initiative beim Besuch der großen österreichischen Wirtschaftsdelegation im Oktober 2014, geführt von Reinhold Mitterlehner und Christoph Leitl, aber doch gebührend gefeiert werden. 

 

Bei der Willkommenszeremonie verlieh der Direktor der Shanghai Schule für Information und Technologie, seiner Freude über die Ko-operation mit WIFI Ausdruck und pries die Wichtigkeit des Projektes.  

Die Ursprünge des dualen Systems

Nach dem 2. Weltkrieg profitierte der Wiederaufbau der Industrie wie auch die soziale Stabili-tät in Österreich gleichermaßen vom raschen Aufbau des Berufsschulkonzeptes, das jungen Menschen die Möglichkeit gab, zu qualifizierten Arbeitern herangebildet zu werden. Das Modell, welches 70-80% der Ausbildungszeit auf praktische Arbeit im Betrieb und 20-30% auf die theoretische Ausbildung in der Schule aufwendet, war bis vor kurzem in China unbekannt. Und noch weniger geläufig ist in China die Investitionsbeteiligung an den Schulen von 30% staatlichen und 70% betrieblichen Zuschüssen. 


Die perfekte Umsetzung eines derartigen berufsbildenden Schulungskonzeptes bringt für die beteiligten Unternehmen und auch die Nationalökonomie viele Vorteile wie zum Beispiel den Zugang zu gut qualifizierten und praktisch ausgebildeten Humanressourcen, die sehr gut zur Effizienzsteigerung im Betrieb beitragen können.

Ist China bereit für das duale System?

Chinesische Firmen sind heute wohl noch nicht bereit auf derartige Weise mit Berufsschulen zu kooperieren. Für sie scheint es sich heute noch nicht auszuzahlen, für einen Lehrling zu bezahlen, der nicht voll angestellt ist. Eher ist man bereit, für seine Mitarbeiter von Zeit zu Zeit in ein intensives Trainingsprogramm zu investieren, um ihre Effizienz bei der Arbeit zu steigern. Diese Art der Ausbildung ist jedoch nur geeignet, einen eher oberflächlichen Teil des Problems zu lösen. Hier ist anzunehmen, dass selbst wenn der chinesische Staat seinen Teil durch Investitionen in das berufsbildende System leistet, es immer noch einen Engpass gibt aufgrund der Einstellung des chinesischen Unternehmertums.

 

Der Grund weshalb chinesische Unternehmer wenig Interesse an der Investition in Lehrlinge und in Berufsschulen haben, liegt wohl im Ausbildungssystem als solchem begründet, in dem das duale Modell noch nicht verankert ist.

 

Die berufsbildenden Schulen in China bieten nur sehr limitierte Möglichkeiten zur praktischen, „on-the-job“ Ausbildung und Anwendung der theoretischen Fertigkeiten. Während das duale System in Österreich eine gute Brücke schafft zwischen der Zeit vor und nach dem Training, müssen Schüler, die eine Berufsschule in China abgeschlossen haben, bei Eintritt in die Unternehmen ganz von vorne beginnen als erst noch auszubildende Arbeiter. 


Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Hemmschuh. Während das österreichische Ausbildungssystem relativ flexibele ist für Absolventen von Berufsschulen hinsichtlich des Zugangs zu weiterführenden Studien auf Universitäten, macht das chinesische System im Wesentlichen genau das Gegenteil und zementiert damit hierarchische Gesellschaftsstrukturen ein. 


Ein Absolvent einer berufsbildenden Schule in China kann fast sicher sein, ein Leben lang Arbeiter zu bleiben. Es ist schwer vorstellbar, dass er/sie die äußerst schwierigen Aufnahmetests an den Universitäten bewältigen könnte, um dort die Studien fortzusetzen. In China existiert derzeit noch keine Durchlässigkeit zwischen Berufsschulen und Universitäten.

 

Ein weiterer Problembereich, liegt in der Mentalität von chinesischen Eltern. Dies verdeutlicht sich vielleicht am besten mit einem bekannten chinesischen Sprichwort „Söhne sollen Drachen werden und Töchter Phönixe“ (望子成龙,望女成凤). Dies bedeutet, dass Eltern hohe Ambitionen haben für ihre Kinder und wollen, dass sie hohen sozialen Status und Reichtum erlangen. Was aber ist der soziale Status eines qualifizierten Arbeiters in China? Einem Arbeiter wird in China wenig Respekt gezollt und Reichtum scheint unerreichbar. Daher würden im Allgemeinen nur Eltern mit wenig anderen Alternativen, ihre Kinder in eine Berufsschule schicken.

 

Es ist in höchstem Maße zu hoffen, dass das WIFI Projekt in Shanghai mit den positiven Erfahrungen aus Österreich hier einige Silberstreifen am Horizont der Berufsausbildung in China zum Leuchten bringen kann. 

Vermehrt zeigen Geschäftspartner, sowohl aus Österreich als auch aus China, Interesse und überlegen ähnliche Projekte, die eine gute Aus-gangsbasis schaffen sollen, nicht zuletzt für in China niedergelassene österreichische Unter-nehmen auf der Suche nach gut qualifizierten Arbeitern.

Autorin:

Mag. Helena Chang 常晖
Mag. Helena Chang 常晖

Mag. Helena Chang 常晖, ist Gründerin und Betreiberin des Podcast-Eurasian Matters (www.huina.at), eines umfassenden chinesischen medialen Netzwerks in Europa; Weiters ist sie Kolumnistin bei chinesischen Zeitungen in Europa sowie für das bekannte Yilin Magazin in China. Sie ist Autorin mehrerer Bücher im Bereich Literatur, Kultur und Gesellschaft und ist in der ACBA für Public Relations Agenden zuständig. 

 

Der Beitrag erschien im ACBA-Jahresbericht 2014 (gratis downloaden: http://www.acba.at/de/downloads/)

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